Wenn Sie meinen Blog regel­mäßig ver­folgen, wissen Sie, dass ich die kompli­zierten Themen der Energie­branche gerne anhand von ein­fachen Bei­spielen verdeut­liche. Deshalb starten wir dieses Thema mit einem kurzen Exkurs in die mensch­liche Anatomie – genauer gesagt in die Funktions­weise des Blut­kreis­laufes. Dieser sorgt nämlich dafür, dass unser Körper immer mit ausreichend Nähr­stoffen und Sauer­stoff ver­sorgt wird. Er besteht zum einen aus dem Herzen und zum anderen aus Blut­gefäßen. Haupt­akteur und -antriebs­kraft ist dabei die Aorta, die Haupt­schlag­ader, die das sauer­stoff­reiche Blut aus der linken Herz­kammer in kleinere Arterien und letzt­endlich das Kapillar­netz pumpt und dadurch den gesamten Körper ver­sorgt.

Ja, und was hat das nun mit der Energiewende zu tun?

Stellen Sie sich einmal vor, Deutsch­land wäre ein Mensch. Ein Mensch, der bis in jedes kleine Dorf mit Nähr­stoffen und Sauer­stoff – sprich Energie – ver­sorgt werden müsste. Dann wäre unser Über­tragungs­netz die Haupt­schlag­ader und unser Ver­teilungs­netz das Kapillarnetz. Das gesamte Strom­netz bildet die Arterien unseres Menschen. Ja und weil wir wollen, dass unsere Energie mög­lichst grün ist, heißt das Herz­stück unseres Menschen Energie­wende. Nachdem unser Mensch also sein Leben lang durch Energie aus Kraft­werken und fossilen Energie­trägern versorgt wurde, wollen wir seine Blut­gruppe jetzt am liebsten voll­ständig aus­tauschen – und zwar durch Erneuerbare Energien. Nun ist es allgemein bekannt, dass man einem Menschen nicht einfach eine neue Blutgruppe trans­fusionieren kann. Der Blut­kreis­lauf ist schließ­lich empfind­lich. Bei unserem Strom­netz ver­hält es sich ähnlich. Zwar ist es ohne weiteres möglich, Strom aus anderen nach­haltigen Energie­quellen einzuspeisen, doch muss das Netz an solche Neuerungen ange­passt werden.

Lange Rede kurzer Sinn: Damit unser Energie­wende-Herz weiter schlägt, muss das Strom­netz optimiert und ausge­baut werden.

Der Ausbau des Stromnetzes

Die heutigen An­forderungen an ein Strom­netz waren zu Zeiten seiner tat­säch­lichen Konstruk­tion noch gar nicht denk­bar. Damals wurde das Netz so konzipiert, dass ein Kraft­werk einen un­mittel­baren Teil von Ab­nehmern versorgen musste. Es war gar nicht vorstellbar, dass es einmal nötig sein wird, Strom aus Hamburg nach München oder von der Nord­see bis hin nach Passau zu trans­portieren. Und heute liegt genau ein solches Szenario vor. Regenerative Energie­erzeugung aus Sonne, Wind und Wasser ist schließ­lich stets orts­ge­bunden. Und das heißt, es wird stellenweise mehr Strom produziert als verbraucht, während an anderer Stelle in Deutsch­land aufgrund von sonnen- oder wind­armen Wochen Strom­knapp­heit herrscht. Besonders gute Be­dingungen für die Produktion von erneuer­barem Strom aus Wind­energie bestehen bspw. im Norden und Osten von Deutsch­land, sowie im Meer. Die größten Strom­ver­braucher befinden sich durch große Industrie­ansiedlungen aber eher im Süden und Westen von Deutsch­land. Damit muss der Strom also quer durchs Land trans­portiert werden.

Europaweit vernetzt

Nicht nur in Deutsch­land sondern europa­weit spricht man von der Energie­wende. Eine funktions­fähige euro­päische Energie­politik setzt dabei eine euro­päische Netz­infra­struktur voraus. Keine Sorge, ich spare mir an dieser Stelle den Vergleich mit aufwändigen Bluttransfusionen und komme gleich auf den Punkt: Damit eine länder­über­greifende Energie­wende funktionieren kann, wurden bereits EU-weite Rahmen­bedingungen und Richt­linien, wie auch über­greifende Förder­programme ins Leben gerufen. Auch entstand 2011 der Verband der europäischen Strom-Über­tragungs­netz­betreiber (ENTSO-E). Zusammen mit dem Verband der europä­ischen Fern­netz­betreiber für Gas (ENTSOG) stellt er alle zwei Jahre einen Netz­entwicklungs­plan auf. Der Ausbau des deutschen Strom­netzes ist deshalb nicht nur für die Bundes­republik von zentraler Bedeutung, sondern auch für Europa. Schließ­lich bildet Deutsch­land geografisch gesehen mehr oder weniger die Mitte der EU und ist somit aus­schlag­gebend für eine funktionierende Infra­struktur.

Bürgerstimmen im Netzausbau

Auch, wenn der Ausbau des Netzes unum­gänglich ist und eine hohe Priorität besitzt, so ist es wichtig, dass die Bürger­stimmen nicht ver­gessen werden. Schließ­lich werden durch den Ausbau auch Lebens­räume verändert und in die Natur einge­griffen. Die Bundes­netz­agentur hat deshalb den Auftrag, mögliche Schäden von Mensch und Natur durch den Netz­aus­bau zu identifi­zieren und best­möglich zu ver­hindern. So wurde 2016 bspw. trotz höherer Kosten und einer Ver­zögerung des Netz­ausbaus auf Erdkabel anstelle von Hoch­spannungs­masten umge­schwenkt, die weniger stark sichtbar sind. Als Resultat ist die Akzeptanz in der Bevölkerung für diese Maß­nahmen des Aus­baus deut­lich gestiegen. Weiter sollte auch besonderer Wert auf Auf­klärung gelegt werden. Schließ­lich ist nicht immer gleich auf den ersten Blick ersichtlich, wieso nun eine Groß­baustelle vor der eigenen Tür un­um­gänglich ist. Wenn die Energie­wende aber Früchte tragen soll, dann geht das nur ge­meinsam und Hand in Hand und jeder europä­ische Bürger ist dabei Teil des großen Ganzen und sollte deshalb stets aus­reichend informiert sein.

Hinweis: Die Bundes­netz­agentur informiert auf der Internet­seite Netz­aus­bau umfäng­lich über vergangene und zukünftige Maß­nahmen, die dieses Thema betreffen. Auch werden hier Möglich­keiten genannt, wie sich jeder Bürger aktiv ein­bringen kann, damit jede Stimme gehört wird.