Klimakönner: Herr Stümpfig, bis 2050 soll Bayern vollständig klima­neutral sein. Was muss auf politi­scher Ebene passieren, damit dieses Ziel auch realistisch wird?

Stümpfig: Eine um­fassende Erfassung ist nötig, um klar zu sehen wo die größten Emis­sionen ent­stehen. Im Bereich der nicht energie­bedingten Treib­haus­gas­emis­sionen (v.a. aus der Land­wirt­schaft) hat Bayern bisher wenig fundierte Zahlen. Darauf aufbauend sind für jeden Sektor konkrete Reduktions­ziele festzu­legen mit Zwischen­zielen 2025, 2030 und 2040. Die Reduktions­pfade sind gemäß den Zielen von Paris und aktuellen wissen­schaft­lichen Erkennt­nissen des IPCC festzu­legen. Sollten einzelne Ministerien ihre Reduktionen nicht erreichen, sind Sofort­maß­nahmen zu veranlassen. Ein unab­hängiger Sach­verständigen­rat berät und überprüft die Ergeb­nisse. In wirklich allen Bereichen müssen tief­greifende Maß­nahmen erfolgen zur Einsparung von Energie, höheren Effizienz und Einsatz von Erneuer­baren Energien. Eine Ein­sparung von rund 5 % CO2 pro Jahr muss ab 2020 erreicht werden -mit leicht ab­nehmender Prozentzahl ab 2035.

Da im Wärme­bereich knapp 40 % der energie­bedingten CO2-Emissionen anfallen, wollen Sie hier aktiv werden. Für Bestands­gebäude nennen Sie als eine mögliche Maß­nahme ein bayrisches Erneuer­bare-Wärme-Gesetz nach dem Vorbild Baden-Württem­bergs. Wo sehen Sie das größte Potential in einem solchen Gesetz?

In Bayern gibt es derzeit rund 3 Millionen Wohn­gebäude. Über 75 % wurde vor 1980 gebaut und weisen noch eine unge­nügende Dämmung der Gebäude­hülle auf. Für einen klima­neutralen Gebäude­bestand muss in erster Linie der Wärme­bedarf um mindestens 60 % gesenkt werden. Dies wird über eine Dämmung der Gebäude­hülle, Nah­wärme­lösungen und effiziente Technik erreicht. Die verbleibenden 40 % können über den Einsatz von Biomasse (15 %), Solar­thermie (5-10 %), Strom (effiziente Wärme­pumpen – 10 %) und sonstige Wärme­quellen (Geothermie, Abwärme etc. – 5-10%) gedeckt werden. Über ein bayrisches Erneuerbare-Wärme-Gesetz werden Mindest­standards zur Sanierung der Bestands­gebäude ge­schaffen. Ohne das Gelingen der flächen­deckenden Sanierung im Bestand wird das Ziel eines klima­neutralen Gebäude­bestands nicht erreicht werden können. Das Gesetz bildet die Grundlage, um eine breite Sanierungs­offensive zu starten und zu ver­stetigen.

Dass in der Wärme­versorgung von Bestands­gebäuden Handlungs­bedarf besteht, steht außer Frage. Können Sie sich neben einem Gesetz andere Maß­nahmen vor­stellen, um den Anteil an Erneuerbaren im Bestand zu erhöhen?

Über 200 Förder­programme gibt es im Frei­staat. Förder­programme sind gut. Der Erfolg aber nur teil­weise gut. Ohne ordnungs­recht­liche Maß­nahmen zur Sanierung wird eine Sanierungs­quote von 2-3 % nicht gelingen. Es müssen deshalb beide Komponenten greifen: gesetzliche Vorgaben zur Sanierungs­pflicht und attraktive Förder­programme und steuerliche Anreize zur Sicher­stellung der Wirt­schaft­lich­keit der Maß­nahmen, die über den gesetz­lichen Mindest­standard hinaus­gehen.

„Saubere Wärme für alle – klimafreundlich, preiswert, erneuerbar“ – Denken Sie, dass Sie diesem Leit­gedanken durch ein solches Gesetz gerecht werden können? – Vor allem durch den damit ver­bundenen monetären Aufwand auf Seiten der Betroffenen.

Der Wärmebereich ist der schlafende Riese im Klima­schutz. Er muss geweckt werden. Bei der Sanierung von Gebäuden können auf ihre Lebens­zeit betrachtet enorme Energie­mengen und hohe Kosten für die Beheizung eingespart werden. Die Investitionen gehen aber schnell in mehrere 10.000 Euro. Deshalb ist es lang­fristig gerade im Hinblick auf die steigenden Energiepreise preiswert – jedoch kurz­fristig sind höhere Investitionen nötig. Der Drei­sprung muss gelingen – Verbrauch reduzieren, Effizienz der Technik erhöhen und den rest­lichen Wärme­bedarf über erneuerbare Energien decken. Saubere Wärme für alle ist das gut erreichbare Ziel.

Anders als in BaWü soll in Ihrem Konzept ein Sanierungs­fahr­plan vor dem Heizungs­tausch ver­pflichtend sein. Hier genannte Maß­nahmen sollen in einem nächsten Schritt zu Teilen umge­setzt werden. Wo sehen Sie hier die Vorteile im Vergleich zum EWärmeG in BaWü?

Ein Gebäude hat eine Lebens­dauer von mehreren Generationen. Nahezu jedes Gebäude hat seine Eigen­heiten und bedarf einer eigenen Betrachtung. Aus diesen Gründen ist ein maß­geschneidertes Konzept für die maximale Reduktion des Energie­bedarfs bei gleich­zeitiger Betrachtung der Wirt­schaft­lich­keit notwendig. Das leistet ein Sanierungs­fahr­plan. Dadurch werden die Sanierungs­schritte festgelegt. Die Praxis hat gezeigt, dass nur sehr wenige Eigentümer alles auf einmal machen. Meistens wird ein Segment nach dem anderen saniert – das Dach, die Außen­wand, die Fenster usw. Baden-Württemberg schreibt den Sanierungs­fahr­plan zwar nicht vor, sieht ihn aber als einen Teil der Erfüllungs­optionen an. Sie haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht und konnten beobachten, wie vielerorts dank des vorliegenden Sanierungs­fahr­plans weitere Maß­nahmen ergriffen wurden, die über die gesetz­lichen Forderungen hinaus­gehen.

Kritiker werden sicher argumentieren, dass es so zu einem Sanierungs­stau kommen kann. Wie antworten Sie auf solche Bedenken?

Beim EWärmeG BaWü wird der Aus­tausch der Heizung, welcher in der 1. BImSchV geregelt ist, zum Anlass genommen auch eine Verbesserung der Gebäude­hülle einzuleiten. Ein Sanierungs­stau ist in Baden-Württemberg nur in den Anfangs­jahren aufgetreten. Mittler­weile hat sich dies eingependelt. Außer­dem wollen wir das Gesetz von Anfang an progressiv gestalten. Das heißt, die Anforderungen werden mit den Jahren ambitionierter. Damit entgehen wir der Sanierungs­stau­falle.

Das EWärmeG BaWü nennt verschiedene Erfüllungs­optionen. Sind diese auch denkbar für Bayern? Welche Erfüllungs­optionen finden Sie persönlich am ziel­führendsten und welche würden Sie zur Diskussion stellen?

Anders als in Baden-Württemberg wollen wir nicht so sehr auf konkrete Maß­nahmen setzen oder bestimmte Technologien vorschreiben. Wir wollen den Fokus auf die spezifischen CO2-Emissionen legen. Der Sanierungs­fahr­plan hilft den Bürgerinnen und Bürgern dann, die für sie beste Maßnahme zu ergreifen, um den Ausstoß von CO2 effizient zu reduzieren. Allerdings wollen wir bei klima­freund­lichen aber begrenzten Energie­quellen (Holz, Bio-Öl etc.) ein wenig lenkend eingreifen.

Die Evaluation des EWärmeG 2015 aus BaWü hat gezeigt, dass es noch Schwierig­keiten, bei der Aus­führung und Prüfung des Gesetzes gibt. Denken Sie, Bayern wäre dem damit einher­gehenden organi­satorischen Aufwand gewachsen oder müsste es zu Umstruktu­rierungen kommen?

Wie bei allen Vorgaben im Bau­bereich ist eine komplette Kontrolle der Umsetzung nicht möglich und auch nicht ange­strebt. Wichtig sind aber Stich­proben­kontrollen. Bayern hat bisher keine unangekündigten Stich­proben­kontrollen eingeführt. Das muss sich ändern. Darüber hinaus müssen wir durch ent­sprechendes Informations­material die Baubranche für das Thema sen­sibi­lisieren. Insgesamt glaube ich, dass ein starker Ver­waltungs­apparat, wie wir ihn in Bayern haben, der Sache aber gewachsen ist. Es wäre den folgenden Generationen nicht ver­mittelbar, dass wir aus ver­waltungs­tech­nischen Gründen nichts gegen den Klima­wandel unternommen haben.

Die Evaluation hat auch gezeigt, dass die Bürger aus Baden-Württemberg es zum Teil nicht gerecht finden, ein solches regionales Gesetz erfüllen zu müssen. Denken Sie, dass auch Bayern mit solchen Akzeptanz­problemen zu kämpfen hätte?

BaWü war bei der Ein­führung des EWärmeG ein Vorreiter. Mittler­weile ist das Bewusst­sein zum Klima­schutz nochmals gestiegen, da jede und jeder Einzelne die Auswirkungen der Klimakrise spürt. Auch bundes­weit wird es weitere Anstrengungen geben, den Gebäude­bestand zu sanieren. Auch hier wird es nicht nur über Förder­programme gelingen. Deshalb wird die Akzeptanz bei der Einführung im Jahr 2019 oder 2020 hoch sein, wenn die Begleitung durch Maß­nahmen zur sozialen Abfederung und die Kommunikation zu Sinn und Zweck gut erfolgt.

Stellen Sie sich vor, das bayrische EWärmeG würde umgesetzt werden aber inner­halb der nächsten zehn Jahre steigt der CO2-Ausstoß durch Raum­wärme in Bayern trotzdem weiter an. In diesem hypothe­tischen Szenario: Was könnten die Gründe für den Fehl­schlag sein?

Das ist natürlich eine schwere Frage – vor Beginn der Einführung bereits über das Scheitern zu reden. Wie oben ausgeführt ist die Notwendig­keit der Reduktion des Energie­verbrauchs eindeutig. Sollte es über das EWärmeG nicht ausreichend gelingen, ist eine Anpassung not­wendig. Ohnehin ist ein Monitoring der Maß­nahmen und ein Nachsteuern vorgesehen. Im Zeitraum 2000 bis 2015 konnte beispiels­weise der Energie­verbrauch pro Quadrat­meter Wohn­fläche um 30 % auf 147 Kwh/m2 und Jahr reduziert werden. Zeit­gleich hat sich jedoch der Wohnraum pro Kopf um 27 % erhöht. Unterm Strich wurde also nichts gewonnen. Sollten sich solche Effekte in ähnlicher Weise wieder­holen, die wenig mit der Bau­substanz an sich zu tun haben, sondern vielmehr mit dem gesellschaftlichen Wandel, sind wiederum Maßnahmen zu ergreifen. Ich will aber auch klar­stellen, dass das EWärmeG allein das Klima nicht retten wird. Mit diesem Gesetz wollen wir wie gesagt Mindeststandards setzen.

Warum denken Sie, wird dem Gebäude­bestand im geplanten Gebäude­energie­gesetz nur wenig Beachtung geschenkt? Würden Sie sich ein bundes­weites EWärmeG wünschen?

Selbst­verständ­lich wünsch ich mir das. Eine europä­ische Richt­linie für mehr Klima­schutz im Gebäude­bestand wäre mir sogar noch lieber. Die Frage, warum dem Gebäude­bestand so wenig Beachtung geschenkt wird, sollten sie aber den Verant­wortlichen in der Bundes­regierung stellen.