Klimakönner: Im jüngsten Konjunktur­bericht des BWHT zeigt sich, dass das Handwerk aktuell gut aufgestellt ist und die Zukunft des Hand­werks von Ver­tretern sehr positiv bewertet wird. Können Sie auch eine Ein­schätzung speziell für den Sektor „Heizungsbau“ geben?

Eva Hauser: Wie Sie schon sagen: dem Handwerk in Summe geht es blendend. Für einzelne Branchen können wir leider keine aktuelle Ein­schätzung abgeben. Da müssten Sie sich direkt an den Fach­verband Sanitär, Heizung, Klima Baden-Württem­berg wenden.

Die Nachfrage nach dem Hand­werk steigt, Betriebe können sich vor Anfragen kaum noch retten. Was ausbleibt sind aber qualifizierte Aus­zu­bil­den­de. Worin sehen Sie die Gründe für den Nachfrage­rückgang von Ausbildungsplätzen im Handwerk?

Es ist für unsere Hand­werks­betriebe tat­säch­lich immer schwieriger, bildungs­starke junge Menschen für eine Aus­bildung zu gewinnen. Und das aus­ge­rechnet in einer Zeit, in der die Ansprüche an die Mit­arbeiter in den Betrieben immer höher werden, gerade auch im Handwerk. Allein im baden-württem­bergischen Hand­werk konnten tausende von Lehr­stellen nicht besetzt werden. Für diese Ent­wicklung gibt es ver­schiedene Gründe. Stark verkürzt kann man sagen: Geburten­schwache Jahr­gänge plus Trend zum Studium plus negatives Image gleich Lehr­lings­mangel. Gleichzeitig erfüllen heute viele Bewerber die An­forderungen für die Aus­bildung nicht. Sie scheitern an der Berufsschule. Nachhilfe, Sprach­kurse und das Vermitteln von sozialen Regeln nehmen oft so viel Raum ein, dass die Hand­werks­unter­nehmer an ihre Grenzen stoßen. Rund 60 Prozent aller Jugend­lichen eines Jahrgangs gehen heute nach der Schule ins Studium. Eine Ent­wicklung, die sich nur schwer bremsen lässt und die in der Ver­gangen­heit von der Politik auch noch befördert wurde. Wir ver­schließen nicht die Augen davor, dass die Nachwuchs­probleme leider auch ein Image­problem sind. Daran arbeiten wir mit unserer bundes­weiten Image­kampagne. Und das tun wir mit Erfolg. Aktuell ruft das Handwerk Jugendliche unter dem Motto #einfachmachen auf, heraus­zufinden, wofür ihr Herz schlägt. Fakt ist inzwischen: Seit drei Jahren steigen die Aus­bildungs­zahlen im Hand­werk moderat, gegen den Trend.

Welchen Rat haben Sie für Hand­werks­betriebe, um sich als attrak­tiver Aus­bildungs­platz zu prä­sen­tieren?

Unser Rat lautet: Früh­zeitig an Schulen gehen und sich dort bei­spiels­weise im Rahmen von Bildungs­partner­schaften an der Berufs­orien­tierung beteiligen. Jugend­lichen Praktika an­bieten, damit diese erleben können, was das moderne Hand­werk bietet. Eigene Azubis als Aus­bildungs­bot­schafter in Schulen schicken, damit diese ihren Beruf präsentieren. Gut fahren die Betriebe auch mit Aus­bildungs­videos auf YouTube, Facebook oder mit Instagram-Stories. Und nicht zuletzt: Junge Menschen wollen ernst genommen werden. Dazu gehört, dass man sich mit ihnen und ihren Vor­stellungen aus­einander­setzt. Auch mit Wissens­management, Mit­arbeiter­be­teiligung oder Gesund­heits­vorsorge können Betriebe punkten.

In einigen Bundes­ländern gibt es bereits den Meister­bonus und die Meister­gründungs­prämie. Welche Maß­nahmen hat Baden-Württem­berg bereits getroffen, um das Hand­werk zu stärken?

Um zunächst beim Thema Aus­bildung zu bleiben: Unsere Forderung nach beruf­licher Orien­tierung an allen Schul­arten ist jetzt im Bildungs­plan verankert. Im Hand­werk gibt es groß­artige Chancen, aber viele Schüler und Schüler­innen wissen einfach zu wenig darüber. Vor allem an den Gymnasien. Wir haben neue attraktive Wege in die Lehre entwickelt. Dazu gehört auch neue, attraktive Bildungs­angebote wie das Berufs­abitur, das ab dem neuen Schul­jahr in sechs Bundes­ländern, darunter Baden-Württem­berg, an den Start geht. Damit lassen sich betrieb­liche Aus­bildung und Voll­abitur inner­halb von vier Jahren erreichen.
Um die Hand­werks­betriebe in Baden-Württem­berg stark zu machen für die Heraus­forderungen der Zukunft, haben das Wirt­schafts­ministerium und der Hand­werks­tag die Personal- und Strategie­offensive „Handwerk 2025“ aufs Gleis gesetzt. Ein erstes konkretes Maß­nahmen­paket steht. Fach­kräfte finden und binden, Geschäfts­modelle für die Zukunft entwickeln – das sind die Kern­themen. Neben der Personal- und Strategie­offensive Handwerk 2025 werden wir bis zum Jahres­ende im nächsten Schritt auch Maß­nahmen in den Themen­feldern Digi­tali­sierung, Inno­vation und Kooperation zu einem weiteren Paket ver­knüpfen. Wesent­liche Bau­steine sind Digital-Werk­stätten zur Erprobung und Demon­stration neuer digitaler Anwendungs­möglich­keiten, aber auch die modell­hafte Ein­richtung der ersten „Lernfabrik 4.0“ für das Handwerk. Darüber hinaus arbeitet schon jetzt eine Digital­lotsin sehr erfolgreich und stößt auf großes Interesse bei den Betrieben.

Wie stehen Sie zu einer Ein­führung von Meister­bonus und Meister­gründungs­prämie für Baden-Württem­berg?

Wir wollen eine Prämie von 1.500 Euro für jeden Hand­werker, der die Meister­prüfung ablegt. Was zum Beispiel die Bayern machen, halten wir für eine gute Idee. Sie machen nämlich ernst mit der viel gepriesenen Gleich­wertig­keit beruflicher und akademischer Aus­bildungs­wege. Auch in NRW, Berlin und Hamburg gibt es ja ähnliche Förder­modelle. Konkret stellen wir uns das so vor, dass das Land ein Darlehen gewährt. Wer die Prüfung besteht, soll dies dann nicht mehr zurück­zahlen müssen. Wer dagegen nur bestimmte Schritte auf dem Weg zum Meister absolviert und dann abbricht, der muss Teile des Darlehens wieder zurückzahlen. Wir machen uns Sorgen, dass es bald zu wenig Meister gibt, um die 19.000 Betriebe zu über­nehmen, die allein in den kommenden zehn Jahren einen Nachfolger suchen. Immerhin muss der Geselle in seine Meister­aus­bildung gut und gerne 10.000 Euro investieren. Da wäre die Meister­prämie ein Bau­stein mit Signal­wirkung. Natürlich muss das Land dafür Geld in die Hand nehmen – schließlich haben wir pro Jahr rund 3.500 bestandene Meister­prüfungen. Aber Baden-Württem­berg hat die Studien­gebühren abgeschafft. Die Einführung einer Meister­prämie wäre also nur gerecht und konsequent. Die Politik hat sich zu lange einseitig um die akademische Bildung bemüht. Die formale Gleich­wertig­keit mit der beruf­lichen Bildung muss man auch leben, und dazu gehört für uns auch die finan­zielle Seite.


Quelle: FNRWir bedanken uns bei Eva Hauser. Sie ist Presse­sprecherin beim Baden-Württembergischen Handwerkstag (BWHT) und ver­ant­wort­lich für Presse- und Öffent­lich­keits­arbeit. Frau Hauser ist ausgebildete Diplom-­Wirtschafts­ingenieurin und Kommunikations­wissen­schaft­lerin, und war nach einem Volon­tariat Redakteurin bei verschiedenen Tages­zeitungen in Baden-Württem­berg.