Biogas hat mehr und mehr mit einer schlechten Reputation zu kämpfen, da die Produktion dieser Erneuer­baren Energie angeblich die Aus­prägung von Mono­kulturen in der Land­wirt­schaft fördere. Dr.-Ing. Andreas Schütte, Geschäfts­führer der Fach­agentur Nach­wach­sende Roh­stoffe (FNR), klärt über die verstärkte Bio­diversität beim Anbau von Energie­pflanzen auf.

1. FNR steht für Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. – Welche Ziele und Aufgaben verbergen sich dahinter?

A. Schütte: Haupt­auf­gabe der FNR als Projekt­träger des Bundes­ministeriums für Ernährung und Land­wirt­schaft (BMEL) ist die Umsetzung des ‚Förderprogramms Nachwachsende Roh­stoffe‘ und zweier Förder­schwer­punkte im Energie- und Klima­fonds der Bundes­regierung und in diesem Zuge die fachliche und administrative Betreuung der ent­sprechenden Forschungs-, Ent­wicklungs- und Demonstrations­projekte. Ziel der Förderung ist es, viel­ver­sprechende Ver­fahren und Produkte bis zur Markt­reife zu entwickeln. Ent­sprechende Fach­informationen stellt die FNR interessierten Ziel­gruppen zur Ver­fügung. Die allgemeine Öffentlichkeits­arbeit sowie europäische und inter­nationale Koopera­tionen runden das Tätig­keits­spektrum der FNR ab.

2. Biogas hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Damit einher geht aber auch die Kritik, dass es zu Mono­kulturen bestimmter Energie­pflanzen, wie bspw. Mais, führt. Was halten Sie von diesem Vorwurf?

Ich betrachte die derzeitige Situation deutlich differenzierter. Die FNR erhebt jährlich die Anbau­zahlen nachwachsender Roh­stoffe in der Land­wirtschaft in Deutschland. 2016 wurden nach vorläufiger Schätzung auf insgesamt 1,45 Mio. Hektar Energie­pflanzen für Biogas­anlagen angebaut. Auf etwa zwei Drittel dieser Fläche wuchs Silo­mais. Auf dem ver­bleibenden Drittel wuchsen Kulturen wie Getreide (Weizen, Roggen und Triticale, Körnernutzung und/oder Ganz­pflanzen­silage), Zucker­rüben oder Gräser (Acker­gras­mischungen oder Schnitt vom Dauer­grünland) sowie in geringem Umfang alternative Energie­pflanzen wie die Durch­wachsene Silphie, die 2016 etwa 800 Hektar belegte. Zum Vergleich die Zahlen aus dem Jahr 2012: Hier betrug der Mais­anteil noch 72 Prozent, die Silphie wuchs auf 100 Hektar. Daraus folgt: Mais dominiert zwar den Anbau für Biogasanlagen, ist aber bei weitem nicht die einzige Kultur.

Ungeachtet dessen ist es insbesondere in Ver­edelungs­regionen zu einer zu starken Konzentra­tion des Mais­anbaus gekommen. In anderen Regionen, in denen vorher kaum Mais angebaut wurde, hat die Kultur hingegen zu mehr Vielfalt auf dem Acker beigetragen. Da eine Be­gren­zung dennoch nötig war, hat der Gesetz­geber ab 2012 den sog. „Maisdeckel“ im EEG einge­führt, der neben dem Einsatz von Mais auch den von Getreide­korn limitiert. Dieser Mais­deckel verschärft sich von aktuell 50 Prozent bis zum Jahr 2021 auf 44 Masse­prozent. Gleich­zeitig ist bei der Durch­wachsenen Silphie eine deutliche Flächen­ausweitung erkennbar, wenn auch noch auf sehr niedrigem Niveau. Das BMEL hat schon sehr früh Projekte unterstützt, in denen alternative Energie­pflanzen wie Durch­wachsene Silphie, Wild­pflanzen­mischungen, Mais-Bohnen, Stein­klee, Miscanthus (als Brenn­stoff) etc. erprobt wurden. Wir begrüßen deren Aus­weitung aufgrund ihrer ökologischen Vorteile. Allerdings bedarf es für eine stärkere Ver­brei­tung in der Praxis spezieller Anreize oder Aus­gleich­systeme, da die Kulturen häufig noch mit Mehr­kosten verbunden sind. Und Land­wirte handeln natürlich in erster Linie betriebs­wirtschaft­lich.

3. Worin sehen Sie die Gründe für die Entstehung von solchen Monokulturen?

Zunächst ist die Reduzierung der heutigen Agrar­land­schaft auf wenige, betriebs­wirtschaft­lich besonders effiziente Pflanzen­arten kein Ergebnis des Anbaus nach­wachsender Roh­stoffe. Sehen wir uns den Anbau von Raps, Sonnenblume, Zucker, Lein, Arznei­pflanzen, schnell wachsenden Gehölzen und in vielen Regionen eben auch Mais an, dann tragen nach­wach­sen­de Roh­stoffe vielfach zur Auf­lockerung von zumeist Getreide-dominierten Frucht­folgen bei. Für Biogas­anlagen ist der Mais bislang allerdings die effizienteste Pflanze mit dem geringsten Flächen­bedarf.

4. Mais gilt als eine der effektivsten Pflanzen für die Produktion von Biogas. Sie haben eben bereits erwähnt, dass es auch alternative Energie­pflanzen gibt. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Die Durchwachsene Silphie hat das Potential zur effektiven Energiepflanze

Die Durch­wachsene Silphie ist eine Dauer­kultur, kann also nach der Etablierung mehrere Jahre geerntet werden. Positive Effekte sind der geringerer Arbeits­aufwand, ein guter Ero­sions­schutz, Humus­anreicherung und ihre Aus­wirkungen auf Boden­leben und Wasser­rückhalte­vermögen. Die ertragreiche Silphie ist eine hervorragende Insektenweide mit langer Blühdauer bis in den September, eignet sich für Wasser­schutz­gebiete aufgrund von gutem Stick­stoff­rückhalte­vermögen, und bedarf nach der voll­ständigen Kultur­etablierung keiner Herbizide.Quelle: FNR/Zdenka Hajkova

Recht ertrags­starke Mais-Bohnen-Gemenge stammen traditionell aus Amerika. Hier erfolgt die Stick­stoff-Fixierung durch die Bohne, was den Misch­anbau im Zuge der neuen Dünge­ver­ordnung mit limitierter Stick­stoff­düngung interessant macht.

Wildpflanzen können ebenfalls als Dauer­kultur mit positiven Effekten auf Boden­zustand, Erosions­schutz, Stick­stoff­rück­haltung und geringerem Arbeits­aufwand etabliert werden. Bei geringem Dünger- und Pflanzen­schutz­mittel­bedarf bieten sie höchste Bio­diversität, gute Insekten­weide sowie Lebens­raum und Deckung für Wild­tiere auch im Winter. Allerdings liegen die Erträge zurzeit noch deutlich unter dem Silomais.

Steinklee ist eine zwei­jährige Pflanze und die einzige über­winternde und tiefwurzelnde Le­gu­mi­nose, die auch auf Sand­böden mit wenig Nieder­schlag akzeptable Erträge bringt und als Bienen­weide genutzt werden kann. Als gute Vor­frucht fördert der Stein­klee den Humus­aufbau, verbessert die Boden­struktur und ver­ringert den Bedarf an Stick­stoff-Düngern.

5. Welche möglichen Maßnahmen sehen Sie, um die Bio­diversität beim Anbau von Energie­pflanzen zu steigern, bzw. das Bewusst­sein für die Relevanz von Pflanzen­viel­falt bei Erzeugern von Biogas­substraten zu erhöhen?

Mit Öffent­lich­keits­arbeit und Information versuchen wir, hier einen wichtigen Beitrag zu leisten. Für die Umsetzung in die Breite braucht es jedoch auch fördernde Rahmen­bedingungen. Deutlich ausbaufähige Ansatz­punkte wären die Bestimmungen zum Greening, aber auch die Gemeinschafts­aufgabe "Verbesserung der Agrar­struktur und des Küsten­schutzes" oder die Bundes­kompensations-Verordnung zum Ausgleich von bau­lichen Maßnahmen. Wie man in diese letzt­genannte Regelung die umwelt­freundliche Produktion nach­wachsender Rohstoffe aufnehmen kann, zeigt das Bundesverbundprojekt ELKE, das sich in der Praxis aber leider noch nicht durchsetzen konnte. Wichtig wäre es außerdem, die vielfältigen Leistungen, die alternative Energiepflanzen im Klima-, Umwelt- und Naturschutz erbringen könnten, mone­tär zu bewerten. So würde deutlich, welchen Mehr­preis die Alternativen uns als Gesellschaft wert sein sollten. Außerdem müssen wir noch stärker vermitteln, dass ein breiterer Einzug in die Praxis ökologisch vorteilhaft ist, ohne dass man dabei auf eine Nutzung der Flächen, auf die Energie- und Roh­stofferzeugung und ein Einkommen für die Landwirte verzichten bräuchte. So könnten wir den teilweise großen Gegensatz zwischen Land­wirtschaft und Natur­schutz ein Stück weit überbrücken!

6. Worin sehen Sie ökologische und ökonomische Vorteile bei der Förderung von Biodiversität im Biogasmarkt?

Wie bereits angedeutet, ist ein Mehr an Bio­diversität in erster Linie mit volkswirtschaftlichen Vorteilen verbunden. Der einzelne Landwirt sieht zunächst nur den Minder­ertrag, den er durch alternative Energie­pflanzen hat. Langfristig profitiert er jedoch, wie die gesamte Gesellschaft, von einer intakten Umwelt. Die Entscheidung für umwelt­freundliche, aber möglicherweise teurere Produktions­verfahren kann nicht dem einzelnen Landwirt oder dem einzelnen Bio­gas­anlagen­betreiber über­lassen bleiben. Es gibt aber natürlich auch Fälle, in denen ein direkter Vorteil für den einzelnen Betrieb gegeben ist. Auf abgelegenen oder Splitter­flächen können Dauer­kulturen zum Beispiel arbeits­technisch überlegen sein. Sollten sich Mais­schäd­linge wie Mais­zünsler und Maiswurzel­bohrer weiter ausbreiten, sind Alternativen auch aus ökonomischer Sicht gefragt.

7. In Bayern wird bspw. bereits viel in Richtung Substrat­vielfalt für Biogas geforscht. Können Sie noch andere Bundes­länder ausmachen, die durch vorbild­hafte Projekte heraus­stechen?

In sehr vielen Bundes­ländern laufen Forschungs­aktivitäten im Bio­energie­bereich zu Themen wie nachhaltige Anbau­systeme, THG-Minderung und alternative Kulturen, die aber in den meisten Fällen durch das BMEL über die FNR gefördert werden. Das trifft auch in Bayern zu.

8. Im September findet der 5. Biogas-Kongress vom KTBL und FNR statt. Können Sie schon eine grobe Ein­schätzung darüber geben, was genau dort im Bereich Biodiversität thematisiert wird?

Es wird eine eigene Session zum Thema „Alternative Biogas­substrate“ geben. Ein Vortrag der Thüringer Landes­anstalt für Land­wirtschaft widmet sich dem Stand bei den alternativen Energie­pflanzen.

9. Ganz allgemein, wie glauben Sie, wird sich der Anbau von Energie­pflanzen für die Bio­gas­erzeugung zukünftig verändern?

Die Anteile von Mais und Getreide­korn in Bio­gas­substraten werden aufgrund des sich verschärfenden Mais­deckels weiter abnehmen. Welche Substrate diese Position übernehmen - die „Etablierten“ oder zum Teil auch die alternativen, neuen Energie­pflanzen - wird nicht zuletzt von der weiteren Gestaltung der Rahmen­bedingungen abhängen. Sollte sich eine der alternativen Energie­pflanzen als wirtschaftlich konkurrenz­fähig erweisen, hat sie auch ohne besondere Förderung Chancen. Aktuell gibt es bei der Silphie in Süd­deutschland gerade eine gewisse Dynamik. Schließlich könnte sich auch die Nutzung bislang im Biogas­bereich kaum üblicher Rest­stoffe wie Stroh ausweiten. Eine konkrete Prognose ist deshalb schwierig. Unser Ziel ist aber neben der Steigerung der Bio­diversität insbesondere auch die Steigerung der Effizienz der Bio­gas­analgen.


Quelle: FNRWir bedanken uns bei Dr.-Ing. Andreas Schütte, seit 1993 Geschäfts­führer des Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. für seine Zeit und seine Antworten zum Thema Substrat­viel­falt bei Energie­pflanzen.